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Mac P. Lorne – Der Pirat

AutorMac P. Lorne
TitelDer Pirat
Seitenzahl656
VerlagKnaur
ISBN978-3-426-51748-2
Bewertung

Inhalt
England, 1560: Schon mit zwanzig Jahren ist der junge Seemann Francis Drake ein Ausnahmetalent in seinem Fach, so dass ihm sein Kapitän Sam Richards verspricht, Drake sein Schiff zu vermachen.
Zwanzig Jahre später hat Drake alle Weltmeere befahren, einige Schiffe, die unter seinem Kommando standen, verloren, aber auch große Reichtümer gewonnen, als er auf der Rückreise nach England Gefahr läuft, von spanischen Schiffen aufgebracht zu werden. Nur ein Trick kann ihn, den gefürchteten El Draque, jetzt noch retten.
In England angekommen wird Drake gefeiert, die Spanier fordern allerdings seine sofortige Auslieferung. Um ihn außer Gefahr zu schaffen wird der Kapitän auf eine Mission geschickt, die die englische Seefahrt revolutionieren soll…

Meine Meinung
In diesem Roman beschäftigt sich Mac P. Lorne mit dem Leben des berüchtigten Piraten Francis Drake vom Zeitpunkt der Rückkehr seiner Weltumseglung bis zum Kampf mit der spanischen Armada, also dem Zeitraum, in dem Drake vom Glück verfolgt wurde und großes Ansehen erlangt hat. Gerne hätte ich etwas mehr über die frühen Jahre des Piraten oder auch von der großen Weltreise selbst erfahren, schließlich hat Drake hier viele Abenteuer erlebt, Schiffe und Männer verloren, Schätze gewonnen, gekämpft und gelitten. Leider wird auf diese Zeit nur rückblickend eingegangen, so dass man zwar in groben Zügen erfährt, was geschehen ist, aber ohne, dass man als Leser wirklich dabei ist.
Besonderes Augenmerk wird hier stattdessen auf die Abenteuer gelegt, die die Beziehung zwischen England und Spanien beeinflusst haben, doch auch die Reformen des Schiffsbaus der Engländer unter Mathew Baker und die des Bronzegusses unter Joachim Gans, die für England sehr wichtig waren, sind Themen, die hier aufgegriffen und auch für Laien verständlich erklärt werden. Zwar kann ich mir den Unterschied zwischen Galeeren, Galeonen und Galeassen noch immer nicht merken, doch komplizierte Segelmanöver oder auch der Vorteil von Bronzekanonen gegenüber denen aus Eisen oder die Schwierigkeiten des Gusses waren auch für mich zu verstehen.
Lorne beschreibt hier jedoch nicht nur verbürgte Unternehmen Drakes, auch einen Zeitraum, zu dem Drakes Aufenthaltsort unbekannt ist, füllt der Autor mit einer spannenden Episode, die allerdings mit diesem Hintergrund für meinen Geschmack etwas zu viel Raum einnimmt.
Der Schreibstil ist flüssig, auch wird man nach dem Prolog direkt ins Geschehen geworfen, so dass ich gleich von Beginn an mit Drake mitgefiebert hatte, obwohl mir sein Leben in groben Zügen bereits bekannt war.
Viele, wenn nicht die meisten der handelnden Personen sind historisch belegt. Schwarz-Weiß-Malerei oder eine sehr einseitige Darstellung von Personen ist mir nicht negativ aufgefallen. Einzig Drake wird hier sehr positiv beschrieben, wobei der Autor in seinem Nachwort erklärt, dass es sehr schwer war, Belege dafür zu finden, dass er auch negative Seiten hatte.
Und so wird Drake weitestgehend als sympathischer Mensch dargestellt, dem das Glück über weite Teile seines Lebens hold ist. Schlechte Seiten zeigt er kaum, sieht man von einer einzigen Tat ab, die sich vor dem Romangeschehen abspielt und von der man nur rückblickend erfährt, die aber große Auswirkungen auf Drakes weiteres Leben hat. Nicht nur wird der Seemann Drake hier gezeigt, auch als Privatmann lernt man ihn zumindest ein wenig kennen.
Eine weitere wichtige Person in diesem Roman ist Königin Elizabeth. Ihre Wankelmütigkeit, aber auch der Balanceakt, den sie eingehen musste, um die Herrscher verschiedener Länder nicht vor den Kopf zu stoßen und eine Heirat oder Kriege zu vermeiden, werden hier glaubwürdig beschrieben.
Wie man es heute von historischen Romanen erwartet ist auch dieses Buch mit Zusatzmaterial ausgestattet. Neben einem zehnseitigen Nachwort gibt es vorne im Buch ein Personenregister, das allerdings leichte Spoiler beinhaltet und das man aus diesem Grund nur bei Bedarf zurate ziehen sollte, eine Zeittafel zu den wichtigsten Punkten aus den Leben von Elizabeth I. und Francis Drake, ein Glossar, das insbesondere nautische Begriffe erklärt sowie eine Bibliografie.

Fazit
Ein lesenswerter Roman über eine sehr interessante Persönlichkeit, den ich all denjenigen ans Herz legen möchte, die sich auch nur ein klein wenig für Segelmanöver, den Kampf der Engländer gegen die spanische Armada oder eben die Person Francis Drake selber begeistern können, aber auch als Abenteuerroman lässt sich dieses Buch gut lesen.

Dagmar Trodler – Die Stunde der Seherin

AutorDagmar Trodler
TitelDie Stunde der Seherin
Seitenzahl415
VerlagBlanvalet
ISBN978-3-442-37223-2
Bewertung

Inhalt
Vor der Küste Schottlands, 1069: Christina ist mit ihrer Familie auf der Flucht vor dem normannischen König William, als sie vor der schottischen Küste Schiffbruch erleidet. Von König Malcolm gerettet, ist dieser von Christinas Schwester Margaret wie verzaubert, die als Schwester des Æthlings Edgar eine geeignete Heiratskandidatin ist. Doch auch die klein gewachsene Christina kann sich vor politisch motivierten Anträgen kaum retten.
Als dann ein Fluch Margaret befällt, ist es an der jüngeren Schwester, ihm auf den Grund zu gehen und zu stoppen. Christinas Aufgabe ist jedoch beschwerlich, glaubt doch kaum jemand an die Existenz des Fluches…

Meine Meinung
Wie schon in einigen anderen Romanen von Dagmar Trodler entführt die Autorin ihre Leser auch hier wieder ins 11. Jahrhundert, dieses Mal nach Schottland und das nördliche England.
Während ich jedoch die anderen fünf Bücher überwiegend mit Genuss gelesen habe, hatte ich mit diesem Roman so meine Schwierigkeiten.
Dies lag überwiegend daran, dass der Schreibstil recht eigensinnig ist. Dabei störten mich weniger die immer wieder eingeschobenen lateinischen Sätze, überwiegend Bibelzitate, die schon mal mehrere Zeilen einnehmen und im Glossar im Anhang übersetzt werden – so etwas gab es auch in den anderen Büchern schon – sondern vielmehr die Vermenschlichung lebloser Dinge, oft in völlig abstrusen Kombinationen, wenn beispielsweise eine Fackel an der Wand nachdenklich die Schatten zweier Personen lang zieht oder einer Drohung Asche von den Schwingen rieselt. Dazu kommt, dass wörtliche Rede immer wieder von Auslassungszeichen unterbrochen wird. Durch die drei Pünktchen wird zwar sehr schnell deutlich, dass die Personen sprachlos sind oder die richtigen Worte nicht finden, doch zieht sich dies durch das ganze Buch und hat mich irgendwann nur noch genervt. Ebenfalls auffällig ist die Erwähnung der hygienischen Umstände. Immer wieder wird erwähnt, wie dreckig etwas ist, wie sehr die Personen stinken und was für Ungeziefer vorhanden ist. Dies sorgt zwar dafür, dass die Zeit nicht verklärt wird, aber irgendwann hat jeder mitbekommen, dass es unangenehm riecht, wenn mehrere Menschen im gleichen Raum schlafen und nicht lüften.
Während es in den vorherigen Büchern der Autorin zwar kleinere mystische Elemente gab, die mich nicht weiter gestört haben, sondern vielmehr ganz gut ins Gesamtbild passten, spielen sie hier eine deutlich größere Rolle. Denn Christina ist eine Táltos, eine Heilerin, die auf wundersame Weise schwere Wunden und Krankheiten heilen kann, zudem ist sie zunächst die einzige, die den Fluch und die damit einher gehende Bedrohung wahr nimmt. Erschien es mir zunächst nicht eindeutig, ob einige der beschriebenen Dinge tatsächlich passieren oder es sich um Einbildung handelt, wird dies zum Ende des Romans hin deutlicher, mir hat diese Entwicklung allerdings nicht zugesagt. Dafür, dass die meisten Charaktere historisch belegt sind, passiert einfach zu viel, was doch recht unglaubwürdig ist.
Auch sonst ist nicht immer deutlich, was denn genau passiert und was die Menschen aussagen, zu zerklüftet ist die Handlung, zu uneindeutig die Beschreibungen. Viele Dinge muss man sich zusammenreimen. Dafür ist die Handlung im Großen und Ganzen gesehen nicht unbedingt vorhersehbar, was dann wieder positiv gesehen werden kann.
Auch die Personen sind durch die schwammigen Beschreibungen sehr schwer zu greifen. Zwar wird klar, dass Christina ein gutes Herz hat und ihre Kräfte auch für Menschen aufwendet, die sie kaum kennt, dass sie gewisse Menschen aus dem Umfeld ihres Bruders verabscheut und das Leben im Kloster zwar angenehm, aber auch langweilig fand, dennoch hatte ich nie das Gefühl, sie irgendwie zu kennen oder zu verstehen, wie es bei anderen Romanfiguren durchaus der Fall sein kann.
Dazu kommt, dass es neben der schwer verständlichen Anziehung zwischen Malcolm und Margaret noch eine weitere Liebesbeziehung gibt, nämlich zwischen Christina und dem Culdee Nial, einem Einsiedler, der wie ein Mönch lebt. Eine Entwicklung ist in beiden Fällen kaum festzustellen, die Anziehungskraft ist da, und dann wird eben gehandelt – oder auch nicht. Warum sie aber zustande kommt und worauf sie aufbaut wird jedoch nicht deutlich. Ein Gutes hat diese Art der Darstellung: Die Charaktere sind in den seltensten Fällen nur gut oder nur böse, manche zeigen auf eingeschränkte Art auch durchaus andere Seiten, die ich so zuvor nicht erwartet hätte.
Neben dem bereits erwähnten Glossar gibt es auch ein Nachwort, in dem die Autorin zu ein paar Details Stellung nimmt.

Fazit
Konnten mich andere Bücher der Autorin noch fesseln, ist ihr das mit diesem Roman nicht gelungen. Die Handlung ist zwar mehr oder weniger spannend, doch ist sie mir zu abgedreht und dabei zu verwirrend beschrieben. Der Schreibstil trägt dann noch dazu bei, dass mich dieser Roman nicht überzeugen konnte.

James Aitcheson – Der Pakt der Schwerter

AutorJames Aitcheson
TitelDer Pakt der Schwerter
OriginaltitelSworn Sword
ÜbersetzerJochen Stremmel
SerieConquest Band 1
Seitenzahl542
VerlagGoldmann
ISBN978-3-442-47713-5
Bewertung

Inhalt
Dunholm, 1069: Seit drei Jahren steht England unter normannischer Herrschaft, doch nicht alle Engländer akzeptieren ihren neuen König.
Tancred a Dinant ist ein Ritter im Gefolge von Lord Robert de Commines, der kürzlich als Earl von Northumbria eingesetzt worden ist. Doch immer wieder kommt es zu feindlichen Übergriffen.
Als die Stadt von Angelsachsen überrannt wird, kann sich Tancred schwer verletzt nach Eoferwic retten. Doch auch Eoferwic ist nicht sicher, und so erhält er von Guillaume Malet den Auftrag, dessen Frau und Tochter nach Lundene und Malets Kaplan, den Angelsachsen Ælfwold, im Anschluss nach Wiltune zu geleiten. Doch was für eine Botschaft soll überbracht werden? Kann Tancred Malet trauen?

Meine Meinung
Der Pakt der Schwerter ist der Debütroman des noch recht jungen britischen Autors James Aitcheson, in dem die Zeit nach der Eroberung Englands aus normannischer Perspektive betrachtet wird.
Dabei konzentriert sich der Autor auf die Ereignisse, wie sie aus Sicht eines Kriegers geschehen, indem er den Bretonen Tancred die Geschichte erzählen lässt.
Zu Beginn wird der Leser mitten in die Geschichte hineingeworfen. Wer Tancred und seine Gefährten sind erfährt der Leser zum Teil in Rückblicken, abgesehen davon wird nur betrachtet, was um den Ritter herum gerade passiert. Was während Tancreds Reisen andernorts geschieht, erfährt der Leser allenfalls im Nachhinein, wenn Informationen ausgetauscht werden. Dadurch ist der Blick doch recht eingeschränkt, der Gesamtzusammenhang fehlte mir an mancher Stelle und die Kämpfe, in die Tancred hineingerät, erschienen dann doch ein wenig beliebig.
Nicht immer war die Handlung völlig logisch. So trägt Tancred eine tiefe Wunde am Bein davon, doch nur wenige Tage später ist diese völlig verheilt, nur eine Narbe bleibt zurück, und kämpfen kann er auch schon wieder. Und dies ist nicht die einzige Logiklücke. Dennoch erscheint die Geschichte auf mich nicht völlig unglaubwürdig, im Großen und Ganzen hätte die Handlung so wohl stattfinden können.
Tancred als Ich-Erzähler ist eigentlich ein interessanter Charakter. Er vereint klösterliche Bildung mit vielen Jahren Schwertkampftraining, ist dabei aber der Kirche nicht extrem negativ gegenüber eingestellt. Auch ist er seinem Herrn Robert schon lange treu, so dass es ihm schwer fällt, sich anderweitig zu binden. Nicht immer durchdenkt er seine Handlungen bis zum Schluss, sondern handelt oft spontan.
Neben Tancred treten noch viele anderen Charaktere auf, doch schafft es Aitcheson leider nicht, diese durch Tancreds Sicht so zu beschreiben, dass sie Persönlichkeit erhalten. Insbesondere seine Gefährten blieben mir zu blass und austauschbar, die meisten anderen Personen werden nur einseitig beschrieben.
Grundsätzlich ist der Roman recht flüssig zu lesen, an einigen wenigen Stellen tauchen angelsächsische Wörter und Sätze auf, die nicht immer übersetzt werden. Die Bedeutung kann man sich zum Teil herleiten, für das Verständnis sind sie nicht wichtig, jedoch verdeutlichen sie Tancreds Sprachbarriere. Nicht ganz zufrieden war ich allerdings damit, dass die Normannen hier häufig als Franzosen bezeichnet werden, denn während dies in unserer Zeit korrekt ist, handelt es sich im 11. Jahrhundert um völlig unterschiedliche Völker, die nur die gleiche Sprache sprechen. Dies kollidiert zudem damit, dass Ortsnamen in ihrer alten Form verwendet werden. Ob dieser Fehler nun auf eine schlechte Übersetzung oder auf eine ungenaue Wortwahl des Autors zurückzuführen ist kann ich nicht einschätzen.
Wie man es von halbwegs aktuellen Romanen gewohnt ist, weist auch dieser Roman ein wenig Zusatzmaterial auf. Neben einer Karte gibt es eine Auflistung der Orte in mittelalterlicher und aktueller Schreibweise, zudem ist ein Nachwort zu finden, in dem der Autor Fakten und Fiktion trennt.

Fazit
Ein Roman in der Tradition Bernard Cornwells, in dem sehr viel gekämpft und gereist wird. An Cornwell reicht Aitcheson noch nicht heran, doch für einen Debütroman ist dieses Buch nicht schlecht.

Martha Sophie Marcus – Herrin des Nordens

AutorMartha Sophie Marcus
TitelHerrin des Nordens
Seitenzahl764
VerlagGolmann
ISBN978-3-442-48106-4
Bewertung

Inhalt
Haithabu, 1044: Die vierzehnjährige Ingunn ist die Tochter des angesehenen Händlers Sigmund. Wie ihr Vater glaubt auch sie an die alten Götter, während ihre Mutter Godelind sich den Christen angeschlossen hat, was gelegentlich zu Unfrieden im Haus führt.
Als eines Tages die Brüder Torge und Jostein aus England eintreffen, verliebt sich Ingunn in den nur wenig älteren Torge. Das Mädchen überglücklich, als dieser um ihre Hand anhält, doch Torge und Jon stehen im Dienst des Jarls von Northumbria, viele Meilen entfernt.
Um Ingunn, sein einziges überlebendes Kind, abzusichern, beschließt Sigmund, sie als Nachfolgerin auszubilden.
Doch der kleinen Stadt Haithabu stehen unruhige Zeiten bevor…

Meine Meinung
Mit diesem Roman beschäftigt sich Martha Sophie Marcus mit dem Schicksal der Stadt Haithabu, die immer wieder Opfer von Überfällen wurde. Anhand fiktiver Personen schildert sie, wie die Menschen in dieser Zeit des Umbruchs gelebt haben.
Der Schwerpunkt liegt hier zu Beginn klar auf dem Alltag, der Verbreitung des Christentums und den damit einhergehenden kleinen und großen Konflikten, aber mit Fortschreiten der Handlung verlagert sich dies hin zu politischen Entscheidungen und der einen oder anderen Kampfhandlung. Auch eine Liebesgeschichte kann man erwarten, und auch wenn diese für die Handlung doch sehr wichtig ist, so ist sie nicht der Dreh- und Angelpunkt des Romans.
Dabei hangelt sich die Autorin an den historischen Ereignissen entlang, an denen die Hauptpersonen nicht selten direkt beteiligt sind, auch zögert sie nicht, die eine oder andere überlieferte Anekdote über reale Charaktere einzubringen. Es empfiehlt sich, ein wenig Vorwissen über diese Zeit mitzubringen, da doch recht viele historische Persönlichkeiten am Rande erwähnt werden, ohne dass genauer auf sie eingegangen wird.
Die meiste Zeit beschreibt die Autorin Ingunns Erlebnisse, gelegentlich zeigt sie aber auch, wie es Jostein gerade ergeht. Dabei werden nur die Dinge beschrieben, die die beiden Personen auch tatsächlich mitbekommen, was andernorts geschieht wird ausgelassen. Es kommt auch zu der einen oder anderen grausamen Szene, doch anstatt diese in allen Details zu beschreiben, geht Martha Sophie Marcus sehr sparsam mit diesen Beschreibungen um und deutet die schlimmen Dinge nur an. Dies hat mir gut gefallen, insbesondere, da diese Szenen alle für den weiteren Verlauf der Handlung wichtig sind und nicht bloß aufgepfropft wirken.
Während die Handlung zu Beginn recht dicht beschrieben ist und wenige Wochen oder Monate zwischen den einzelnen Kapiteln liegen, werden gen Ende hin die zeitlichen Abstände zwischen den Kapiteln immer länger, ganze Jahre werden übersprungen. Insbesondere die letzten zweihundert Seiten haben sich so etwas gezogen, hatte ich doch den Eindruck, dass der Roman eigentlich schon vorbei sein könnte, wenn nicht ein bestimmtes Ereignis am Ende des Romans hätte stehen sollen.
Hauptperson ist Ingunn, zu Beginn vierzehn Jahre alt, die als Tochter eines reichen Händlers sehr viele Freiheiten genießt. Im Haushalt hilft sie ungern mit, was auch daran liegt, dass ihre Mutter Godelind, inzwischen Christin, sich anscheinend jede Freude versagt und versucht, Ingunn ihren Glauben aufzudrängen. Sie ist sehr offen und spricht aus, was ihr gerade in den Sinn kommt, und auch in anderen Menschen zieht sie Offenheit vor.
Jostein, genannt, Jon, ist genau das Gegenteil von Ingunn. Er ist in sich gekehrt und denkt viel über seine Handlungen und die anderer Leute nach. Als Kämpfer ist er nicht zu verachten, doch seine Fähigkeit, sich nach außen hin bedeckt zu geben, qualifiziert ihn für ganz andere Tätigkeiten.
Neben diesen gibt es noch viele anderen Haupt- und Nebenfiguren – das Personenregister mit Erläuterungen umfasst etwa fünfeinhalb Seiten. Stereotype Darstellungen sucht man hier jedoch weitestgehend vergebens, nur wenige Charaktere sind einseitig gezeichnet, und der eine oder andere zeigt dann doch noch ein anderes Bild von sich.
Neben dem Personenregister weist das Buch noch weitere Zusatzausstattung auf. So ist vorne eine Karte enthalten, hinten findet sich zudem ein Glossar sowie ein Nachwort zu den historischen Ereignissen nach Ende des Buches sowie Erläuterungen zur Entstehung des Romans.

Fazit
Ein wunderschöner Roman, der mich, mit kleinen Abstrichen, wunderbar unterhalten und dabei nebenbei auch ein wenig über die Geschichte der Stadt Haithabu informiert hat.

Katherine Allfrey – Das Haus am Deich

AutorKatherine Allfrey
TitelDas Haus am Deich
Seitenzahl157
Verlagdtv Junior
ISBN978-3-423-70294-2
Bewertung

Inhalt
England zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die fünfzehnjährige Betsy Anne verlässt ihr ärmliches Elternhaus in Bristol, um künftig im Haus ihres Onkels und ihrer Tante zu leben. Wie eine eigene Tochter soll sie aufgenommen werden, mit allem, was dazu gehört.
Doch Tante Emma scheint das Mädchen gar nicht im Haus haben zu wollen und gibt sich große Mühe, sie zu vergraulen, aber Betsy Anne lässt sich nicht unterkriegen, denn dafür fühlt sie sich am Severn viel zu wohl.
Schon bald zeigt sich, dass nicht alles so ist, wie es scheint, denn nachts passieren manchmal merkwürdige Dinge.

Meine Meinung
Als ich dieses Jugendbuch vor vielen Jahren geschenkt bekommen habe, hat es mich eher weniger interessiert, habe ich doch zu dem Zeitpunkt schon meist wesentlich umfangreicherer Romane gelesen. Und so habe ich dieses Buch nach dem Lesen auch bald wieder vergessen. Neulich ist es mir wieder in die Hände gefallen, und weil ich mich so gar nicht mehr daran erinnern konnte, habe ich es mir nochmal genauer angeschaut.
Die Geschichte selbst ist sehr interessant. Geht es zunächst um das Einleben im „Schiefen Wind“, dem Haus am Deich, werden so nach und nach Fragen aufgeworfen, die dann auf den ersten zwei Dritteln doch wieder zugunsten des Alltags in den Hintergrund gedrängt werden. Somit liegt der Schwerpunkt dieses Romans schon sehr auf der Beschreibung des Lebens im frühen 19. Jahrhundert und weniger auf den geheimnisvollen Vorgängen.
Dass die Geschichte hier als Jugendbuch angelegt ist und nur wenige Seiten umfasst, ist dabei allerdings von Nachteil, denn dadurch werden viele Dinge nur oberflächlich angesprochen. Das Ende kommt zwar nicht völlig unerwartet, ist aber auch nicht völlig stimmig, es kommt sehr abrupt und die Auflösung vieler Fragen erfolgt im Epilog, quasi im Nachschlag, statt im eigentlichen Romanteil. Gerne hätten einzelne Szenen deutlicher ausgebaut sein dürfen.
Auch die Charakterdarstellung leidet ein wenig unter der Kürze, denn für eine ausführliche Entwicklung ist nicht allzu viel Raum vorhanden. Es reicht aber aus, um zu erkennen, dass die Charaktere durchaus glaubwürdig, wenn auch recht einseitig, beschrieben sind.
Die Hauptperson und Identifikationsfigur ist hier die rothaarige Betsy Anne, ein Mädchen, das über die Monate erwachsen wird und lernt, die wichtigen Dinge von den unwichtigen zu trennen. Trotz ihrer schlagfertigen und leicht wilden Art ist sie ein Kind ihrer Zeit, kennt sich mit den Tätigkeiten im Haushalt aus und versucht nicht, aus ihrer Rolle auszubrechen.
Ihr Onkel Joe, ein wortkarger, aber liebenswerter Zeitgenosse, unterstützt das Mädchen, wo er nur kann, und versucht sein Versprechen, ihr ein Zuhause zu bieten, einzuhalten. Emma Ridley ist das ganze Gegenteil von ihm, schnell wird klar, dass sie etwas zu verbergen hat. Weitere wichtige Personen sind der alte Seebär Old Oliver, der mit der eingeschüchterten Haushälterin Mary Gibbs im Kapellenhaus wohnt, Tom, der Joe zur Hand geht, und der tolle Andy, ein Draufgänger, der Betsy Anne schnell gegen sich aufbringt.
Man merkt, dass die deutsche Autorin Katherine Allfrey lange Zeit im englischsprachigen Ausland gelebt hat, denn einige Satzkonstruktionen stammen aus dem englischen Sprachgebrauch und sind im Deutschen so nicht üblich, weshalb ich zunächst von einer schlechten Übersetzung ausgegangen bin. Sprachlich ist wenig davon zu merken, dass dieser Roman für jüngere Leser geschrieben wurde, abgesehen davon, dass einige wenige Begriffe in Fußnoten erklärt werden. Für ältere Jugendliche ist das Buch daher gut zu lesen, für jüngere ist es schon alleine aufgrund der doch sehr kleinen Schrift eher weniger geeignet. Eine genaue Altersempfehlung ist im Buch allerdings nicht zu finden.
Besonders negativ fällt wieder einmal der Klappentext ins Auge. Nicht nur ist der Name der Hauptperson falsch geschrieben, auch werden hier Informationen vorweggenommen und Teile des Inhalts falsch dargestellt, weshalb man ihn möglichst nicht beachten sollte.

Fazit
Die Geschichte ist recht interessant und bietet einen spannenden Einblick in das Leben im frühen neunzehnten Jahrhundert. Als Einstieg in die historischen Romane oder als kleiner Happen zwischendurch ist dieses ältere Jugendbuch einen Blick wert.