Donna W. Cross – Die Päpstin

AutorDonna Woolfolk Cross
TitelDie Päpstin
OriginaltitelPope Joan
ÜbersetzerWolfgang Neuhaus
Seitenzahl578
VerlagAufbau
ISBN978-3-746-61400-7
Bewertung

Inhalt
Ingelheim, zu Beginn des 9. Jahrhunderts: Johanna ist die Tochter eines angelsächsischen katholischen Priesters und einer sächsischen Heidin. Schon früh wird klar, dass sie ihrem älteren Bruder Matthias in Sachen Wissbegierde und Intelligenz in nichts nachsteht, während ihr Bruder Johannes von den Unterrichtsstunden überfordert ist. Als Matthias stirbt, gibt der Vater Johanna die Schuld an seinem Tod, glaubt er doch, dass Bildung den Männern vorbehalten sei und ihre Wissbegierde den Zorn Gottes herbeigerufen hat.
Als Johanna nach Fürsprache einer ihrer Lehrer nach Dorstadt an die Domschule eingeladen wird, versucht ihr Vater, seinen Sohn Johannes als den Eingeladenen darzustellen. Doch Johanna weiß sich zu helfen.
In Dorstadt jedoch kommt es zu Ereignissen, die niemand vorhersehen konnte…

Meine Meinung
Wenn man historische Romane liest, kommt man um gewisse Verreter dieses Genres einfach nicht herum. Gemeinsam mit Ken Folletts Die Säulen der Erde und Noah Gordonds Der Medicus ist Die Päpstin von Donna Woolfolk Cross eins der großen, international erfolgreichen Werke. Ich hatte schon viel von diesem Buch gehört, nicht nur inhaltlich, sondern auch, dass die Meinungen weit auseinander gehen. Auch wenn ich versucht habe, mich unvoreingenommen auf den Roman einzulassen, war mir dies nicht recht möglich, die Kritikpunkte hatte ich dann doch stets im Hinterkopf.
Ich glaube auch nicht daran, dass es je eine Frau auf dem Papstthron gegeben hat. Dieser Punkt jedoch hat keinen Einfluss auf meine Wertung, denn auch eine fiktive Handlung kann in einem guten Roman so dargestellt werden, dass sie glaubwürdig erscheint.
Was jedoch recht früh auffällt und was ich wirklich nicht ignorieren kann, sind die historischen Fehler und Anachronismen. Damit meine ich nicht die Änderungen und Anpassungen, die die Autorin im Nachwort selbst erwähnt, wie ein Angriff der Wikinger oder aber ein Kriegszug nach Rom, denn solche Anpassungen stören mich nicht, solange sie zur Handlung passen. Aber beispielsweise ein Hexenprozess hat in einem Roman über diese Zeit nichts zu suchen. Vielmehr hätte der Klerus versuchen sollen, den Menschen den Hexenglauben auszutreiben.
Mein größter Kritikpunkt betrifft aber den eigentlichen Aufhänger der Geschichte: Die gesamte Handlung – ein Mädchen will Zugang zur Bildung und verkleidet sich deshalb als Mann und wird zum Mönch – entwickelt sich aus dem Bestreben Johannas, Wissen zu erlangen, während die Männerwelt es für ungehörig hält, dass eine Frau lesen kann, und dies sogar als Verstoß gegen Gottes Willen sieht. Tatsächlich war es aber zu dieser Zeit so, dass, abgesehen vom Klerus, weit mehr Frauen als Männer lesen konnte, Lesen sogar als Frauenbeschäftigung und als unmännlich angesehen wurde. Vielleicht war es nicht unbedingt normal, dass ein Mädchen aus dem Stand der Landbevölkerung lesen konnte, die Reaktion des Vaters wäre jedoch tatsächlich völlig übertrieben gewesen. Zudem wird im Roman auch eine Adelige für ihre Fähigkeit, lesen zu können, gerügt… Dass Frauen so einen schlechten Stand hatten, wie hier beschrieben, ist einfach nicht zutreffend, das würde eher in die Frühe Neuzeit als ins Mittelalter passen. Würde man diesen Fehler jedoch aus der Geschichte entfernen, dann würde der Aufhänger fehlen, denn Johanna hätte keinen Grund mehr, sich als Mann zu verkleiden, nur um Zugang zur Bildung zu erhalten.
Daneben gibt es noch diverse kleinere Fehler. So hat ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, dessen Frau etwa im selben Alter ist, eine Tochter, die so alt ist wie Johanna zu diesem Zeitpunkt. Der Mann hätte also mit zwölf Jahren Vater werden müssen…
Doch neben all diesen Kritikpunkten gibt es auch einige positive Dinge zu bemerken. So ist die Geschichte an sich durchaus spannend erzählt. Johanna erlebt diverse Abenteuer und trifft auf interessante Leute, immer mal wieder läuft sie Gefahr, entdeckt zu werden. Bis hin zum Finale konnte mich der Roman durchaus unterhalten. Der Schreibstil ermöglicht es, das Buch flüssig zu lesen, das Wort „Meter“, das mir mehrmals aufgefallen ist, schiebe ich mal auf den Übersetzer und hoffe, dass es nicht im Original zu finden ist.
Unglaubwürdig fand ich dagegen wieder, dass Johanna selbst der Kirche und dem christlichen Glauben gegenüber sehr kritisch eingestellt ist und sich dennoch für eine kirchliche Laufbahn entscheidet. So wird sie von ihrer heidnischen Mutter über sächsische Götter unterrichtet, durch einen ihrer Lehrer, der ihr die griechischen Philosophen näher bringt, lernt sie, an der Glaubwürdigkeit der Kirche zu zweifeln. Und trotzdem wird sie, wie der Titel verrät, selbst zum obersten Vertreter der Kirche! Das passt irgendwie nicht.
Mit der Charakterdarstellung hatte ich ebenfalls so meine Probleme, denn eine so extreme Einteilung in Gut und Böse habe ich bisher in kaum einem anderen Roman abseits des Romance-Genres vorgefunden.
In ihrem Nachwort geht Donna W. Cross auf einige Dinge ein, die die Historie betreffen, insbesondere der Frage, ob es eine Päpstin gegeben haben könnte. Sie kommt zu dem Schluss, dass es so gewesen sein muss, dass die Faktenlage keine andere Deutung zulässt. Dies halte ich jedoch für problematisch, denn viele der „Fakten“ sind schlichtweg falsch oder lassen zumindest auch andere Deutungen zu. Als Autor kann man zu seinen Vorstellungen stehen, sollte jedoch auch andere Möglichkeiten zulassen und die Leser nicht davon überzeugen wollen, dass seine Darstellung die einzig richtige ist.

Fazit
Ignoriert man die Tatsache, dass der Aufhänger der Geschichte aus der Luft gegriffen ist, und hat man kein Problem mit einer extrem einseitigen Charakterdarstellung, dann erwartet einen hier eine durchaus spannende Geschichte. Wer allerdings eine durchweg glaubwürdige Handlung und ein Mindestmaß an historischer Genauigkeit erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden.

5 Gedanken zu „Donna W. Cross – Die Päpstin

  1. Moni2506

    Hallo Rissa,

    Vielen Dank für deine ausführliche Rezension zu dem Buch. Für mich ist das Buch definitiv nichts. Ich bin ja ein Fan von guter Recherche und mag es sehr, wenn sich Autoren recht genau an die Historie halten.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und hoffe, dein nächster Roman kann dich wieder mehr überzeugen.

    LG, Moni

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    1. Rissa Beitragsautor

      Hallo Moni,
      ja, bei dem Buch wusste ich gar nicht, wo ich mit der Rezension aufhören sollte, ich hätte auch noch weiter schreiben können, so sehr haben mich manche Dinge aufgeregt. Und dieses Machwerk hat so viel Fans, das ist einfach unglaublich!
      Es war aber immerhin keine Qual, das Buch zu lesen, denn die Geschichte war immerhin spannend genug, um mich bei der Stange zu halten, auch wenn das Ende klar war.
      Als nächstes ist jetzt aber ein Buch von Elizabeth Chadwick dran, das wird bestimmt wieder gut, denn diese Autorin hat mich noch nie enttäuscht.

      LG Rissa

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  2. Neyasha

    Ich hab das Buch mit achtzehn während meiner Maturareise gelesen und damals ganz gern gemocht, aber ich glaube, jetzt könnte ich das auch nicht mehr gelesen. Früher war ich doch eine unkritischere Leserin und mich haben diverse Klischeefallen sowie historische Ungenauigkeiten nicht so gestört.
    Mittlerweile könnte ich wohl mit der Gut-Böse-Einteilung der Figuren gar nichts mehr anfangen. Das ist ja etwa auch mit ein Grund, weshalb ich Rebecca Gablé nicht mehr lesen möchte, obwohl ich mit Anfang zwanzig „Das zweite Königreich“ total gern mochte.

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    1. Rissa Beitragsautor

      Ja, ich denke, früher waren wir alle weniger kritisch. Damals, mit etwa 15 Jahren, fand ich auch den Medicus ganz grandios. Heute wäre er wohl auch nichts mehr für mich (da steht der Re-Read aber noch aus), da gibt es ja gleich im ersten Kapitel eine ganze Reihe Anachronismen.
      Aber zwischen Gablé und Cross liegen noch Welten. Die Schwarz-Weiß-Zeichnung betrifft da hauptsächlich den Helden und manchmal, aber nicht immer, seinen direkten Gegenspieler, während die anderen Charaktere schon mehr Facetten zeigen. Bei der Päpstin waren es aber durchweg alle Charaktere, die einen total fies und ungerecht, die anderen freundlich und hilfsbereit, etwas dazwischen gibt es nicht.
      Und bei Gablé stimmt wenigstens die Historie weitestgehend, und Logikfehler habe ich bisher auch keine gefunden, während ich bei der Päpstin ständig auf solche Fehler gestoßen bin.

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      1. Neyasha

        Ich muss halt sagen, dass mich so eine Schwarz-Weiß-Zeichnung am meisten bei Protagonist und Antagonist stört – bei Nebenfiguren sehe ich da noch eher drüber hinweg.
        Ich kann mich aber auch schlichtweg nicht mehr erinnern, wie das bei der Päpstin war – es ist nun doch 15 Jahre her, seit ich die gelesen habe. Insofern mag ich da gar keine direkten Vergleiche mit Gablé anstellen (deren Romane ich aber auch überhaupt nicht mehr lesen mag).

        Der Medicus ist wohl ein ähnlicher Kandidat, ja. Den habe ich irgendwann vor der Päpstin gelesen und mich seither wohlweislich von einem Re-Read ferngehalten.

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